Kinder verstehen Kinder am besten

Wie Drittklässler an der Katholischen Schule Am Weiher in Eimsbüttel lernen, Streit auf dem Schulhof zu schlichten

Was passiert, wenn Drittklässler plötzlich Verantwortung für die Streitkultur auf dem Schulhof übernehmen? Was zunächst nach einer kaum umsetzbaren Idee klingt, wird an der Katholischen Schule am Weiher gerade Wirklichkeit. Dort lernen Kinder, Konflikte nicht mit Lautstärke oder Wut zu lösen, sondern mit Zuhören, Verständnis und ehrlichen Gesprächen.

Seit Februar bieten Melanie Wittenberg und Mella Kapp eine „Streitschlichter-Ausbildung“ an. Die Idee dahinter ist ebenso einfach wie besonders: Kinder, die sich gestritten haben, können sich an Mitschülerinnen und Mitschüler ihres Alters wenden. Mit gezielten Fragen helfen die jungen Streitschlichter dabei, Missverständnisse aufzudecken und gemeinsam friedliche Lösungen zu finden.

Was ist mein Bedürfnis? Was möchte ich? Was ist mein Gefühl bei einem Streit und wie können wir gemeinsam eine Lösung finden? „Das sind wichtige Fragestellungen, die die streitenden Kinder dazu bringen sollen, nachzudenken“, erklärt die verantwortliche Lehrerin Melanie Wittenberg. Damit die Jungen und Mädchen in solchen Situationen sicher handeln können, lernen sie einen festen Ablauf kennen: Zunächst werden die Gesprächsregeln erklärt, anschließend hören die Streitschlichter beiden Seiten aufmerksam zu, versuchen die Sichtweisen nachzuvollziehen und vereinbaren zum Schluss sogar ein Nachtreffen mit den Kindern.

Doch auch für die Streitschlichter selbst gibt es klare Grenzen. „Wenn Kinder geschlagen wurden oder teure Dinge zerstört wurden“, erklärt Leonhard, „dann greifen wir Erwachsene ein.“ Ihre Kollegin Wittenberg ergänzt, dass die Kinder nicht die Rolle der „Streitlöser“ übernehmen sollen, sondern ausschließlich die von Vermittlern: Sie helfen dabei, Gespräche möglich zu machen.

Die Kinder, die sich für die Ausbildung entschieden haben, verbindet vor allem ein Wunsch: anderen zu helfen. Viele von ihnen wissen aus eigener Erfahrung, wie belastend ungelöste Konflikte sein können. „Ich möchte einfach helfen. Bei mir war es auch schon so: Ich hatte einen Streit in der Schule und mir ging’s nicht gut, weil ich nach Hause gegangen bin, ohne den Streit zu klären“, erzählt die neunjährige Kinga. Auch Mella Kapp und Melanie Wittenberg zeigen sich beeindruckt davon, wie ernst die Kinder die Ausbildung nehmen. Besonders die Offenheit gegenüber den Regeln und die engagierten Übungen hätten sie positiv überrascht. „Am Anfang haben wir uns gefragt, ob das nicht nur für ältere Klassen möglich ist. Doch jetzt haben wir gemerkt: Das ist auch schon mit einer dritten Klasse sinnvoll.“
Warum andere Kinder sich vielleicht eher an Streitschlichter wenden als an Erwachsene, bringt Grundschülerin Sovie am Ende auf den Punkt: „Weil Lehrer nicht Kinder sind – und Kinder verstehen Kinder halt am besten!“

Bild (Christof Haake): Streitschlichter in Ausbildung Sovie (9) und Konrad (9) von der Katholischen Schule Am Weiher St. Bonifatius.